"Maybe one day, by accident or poetry, you like to stay?" - Chico Buarque.


Caetano Veloso Tonada de Luna llena

Monday, November 30, 2015

Zu guter Letzt





Als Kind wusste ich:
Jeder
Schmetterling
den ich rette
Jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
wird kommen und
weinen
wenn ich begraben
werde


Einmal von mir
gerettet
muss keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis


Als ich dann gross wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle


Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?



[1983]

Quelle: Erich Fried "Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte", Berlin 1996.


Sunday, November 29, 2015

Human Relations


Photo : Pete Souza, 2014 White House Photos


"There should be more sincerity and heart in human relations,
more silence and simplicity in our interactions.
Be rude when you're angry,
laugh when something is funny,
and answer when you're asked."


- Anton Pavlovich Chekhov


Saturday, November 28, 2015

Warum?


Schrei, wenn Du Dich scheisse fühlst!
Weine, wenn der Schmerz Dich quält!
Hasse, wenn Du es so willst!
Liebe, wenn es so sein soll!
Lache, wenn Du Dich danach fühlst!
Lebe, wenn Du es brauchst!
Stirb, wenn es soweit ist!
Aber erwarte nicht, dass Du Dir da mit hilfst!
Denn bleiben wird nur der Schmerz und die Frage;
 
"Warum?"






Warum?

Warum weinen,
wenn der Schmerz wieder geht?
Warum lachen,
wenn die nächste Sekunde traurig wird?
Warum leben,
wenn man sterben will?
Warum kämpfen,
wenn man so oder so verliert?
Warum lieben,
wenn man doch wieder hasst?
Warum zusammen sein,
wenn alles wieder aus sein wird?
Warum hier sein,
wenn man weg will?
Warum fragen,
wenn es doch keine Antwort gibt?


Was man so sagt





Als sie lachte,
sagte man ihr, sie sei kindisch.
Also machte sie fortan ein ernstes Gesicht. Das Kind in ihr blieb,
aber es durfte nicht mehr lachen.

Als sie liebte,
sagte man ihr, sie sei zu romantisch.
Also lernte sie, sich realistischer zu zeigen. Und verdrängte
so manche Liebe.

Als sie reden wollte,
sagte man ihr, darüber spreche man nicht. Also lernte
sie zu schweigen. Die Fragen die in ihr brannten,
blieben ohne Antwort.

Als sie weinte,
sagte man ihr, sie sei einfach zu weich.
Also lernte sie, die Tränen zu unterdrücken. Sie weinte
zwar nicht mehr, doch hart wurde sie nicht.

Als sie schrie,
sagte man ihr, sie sei hysterisch.
Also lernte sie, nur noch zu schreien, wenn niemand es
hören konnte,
oder sie schrie lautlos in sich hinein.

Als sie zu trinken begann,
sagte man ihr, das löse ihre Probleme nicht. Sie
sollte eine Entziehungskur machen.
Es war ihr egal, weil ihr schon so viel entzogen worden war.

Als sie wieder draussen war,
sagte man, sie könnte jetzt von vorne anfangen. Also
tat sie, als begänne sie ein neues Leben. Aber wirklich
leben konnte sie nicht mehr, sie hatte es verlernt.

Als sie ein Jahr später sich versteckt zu Tode gefixt
hatte, sagte man gar nichts mehr. Und jeder für
sich versuchte, leise das Unbehagen mit den Blumen
ins Grab zu werfen.



von Kristiane Allert - Wybranietz